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Lieber Walther,

vor genau 5 Jahren hast du uns verlassen. Ich muss jedes Jahr dran denken, so auch dieses Mal.

Du fehlst uns , du fehlst mir. Niemand konnte das besser als du. Deine legendären Bibelstunden und Ansprachen. Zum ersten mal haben mir Bibeltexte etwas gesagt und waren doch gleichzeitig durch deine Person und die Umgebung in der sie abgehalten wurden, so vollkommen anders und direkt verknüpft mit unbedingter Lebensfreude. Meist gab es dann am Abend noch Disko. Eine sich sonst komplett ausschließende Kombination, die aber charakteristisch war, für das, was du geschaffen hast. Du konntest die Leute zu Lachstürmen hinreißen, bei denen sie über sich selbst lachen und das Leben nicht zu Ernst nehmen konnten, und es gemeinsam feiern wollten und durften. Eine große Zufriedenheit und Lebensfreude erfüllte mich dann oft. Gerade heute vermisse ich sie wieder , am Heiligabend. Irgendwo ist da die Erwartung nach dem Besonderen, dem Großartigen, dem Einmaligen, mit dem dieser Abend ja aufgrund des Glaubens und der Tradition in der ich aufgewachsen bin , irgendwie verbunden ist. Aber vermutlich wird außer einem gemeinsamen Abendessen und anschließend einem mehr oder weniger belanglosen Film im Fernsehen nichts besonderes passieren und irgendwie bin ich immer etwas enttäuscht. Auch ein Besuch in der Kirche hier in der Stadt, was ich in der Vergangenheit schon einige male ausprobiert hatte, erinnert eher an die trögen und todsterbenslangweiligen Gottesdienste aus meiner Kindheit und im Konfirmandenunterricht. Da ist kein Leben drin. Es ist so schwer das Leben in mein Leben reinzubringen. Immer wieder reicht die Kraft und der Mut nur für die Routine und die Pflicht, für das Gewohnte und Vertraute, für das Lauwarme, für das Funktionieren. Dabei geht es doch um etwas Anderes. Du hast immer von unserer Geburtsvision gesprochen, die wir alle haben und sie aber dann meist aus den Augen verlieren, verdrängen, vergessen. Am Heiligabend geht es ja auch um eine Geburt. Die Geburt von Jesus. Vielleicht ist sie auch heute vor allem dazu da, uns an unsere eigene Geburt, besser Geburtsvision zu erinnern. An die Aufgabe, den Auftrag, den wir mit bekommen haben, unseren Beitrag zur Weiterentwicklung der Schöpfung zu leisten. „Wir sind alle wie eine Note in einer gewaltigen Symphonie und die sollten wir freudig spielen und nicht verknatscht.“(Zitat von Walther). Jesus wurde dafür später ans Kreuz genagelt. So ziemlich die schlimmste Art jemanden zu töten. Das ist im Übrigen, das was mich am Christentum am meisten stört. Das Symbol des christlichen Glaubens beinhaltet in allen Einzelheiten die schrecklichste Art der Folter. Da lobe ich mir den entspannt lächelnden Buddha. Vielleicht muss man aber für seine Geburtsvision oder seine Wiedergeburt (wir Herrenalber sind ja alle Wieder -oder Zweitgeborene) auch bereit sein zu sterben, also bestimmte Gewohnheiten und Fehlhaltungen aufgeben, loslassen, bzw. in Kauf nehmen, dass man zumindest aneckt und es vielleicht auch weh tut. Wenn ich es so sehe, dann bekommt tatsächlich Weihnachten für mich plötzlich einen Sinn, den ich so noch gar nie erkennen konnte.

Danke, Walther !

 

Am Heiligabend 2018

 

Harald

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