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Spiritueller Impuls zu Pfingsten 2019...

...von Alfred Meier

Auf vielfachen Wunsch von Teilnehmenden des Pfingsttreffens 2019 kann hier der Text des «Spirituellen Impulses zum Pfingstereignis» nachgelesen werden.

Die Pfingstgeschichte steht in jeder Bibel im Buch der Apostelgeschichte im Neuen Testament Kapitel 2 Verse 1-13. Als Einstieg in den Vortrag dieser Gedanken wurde die Pfingstgeschichte vorgelesen.

An Weihnachten gibt es gutes Essen, Zusammensein mit vertrauten Menschen, Geschenke, wärmendes Kerzenlicht, ein Christbaum.

An Ostern gibt es versteckte Geschenke aus Schokolade, farbige Ostereier, Lammbraten, vielleicht wärmende Frühlingssonne und blühende Blumen.

An Pfingsten da ist eine eigenartige Leerstelle. Da kommt niemand und es gibt nichts, hat ein Kind einmal gesagt.

Von Himmelsbrausen ähnlich einem Sturm, von Erscheinungen von Feuerflammen wie Zungen, die sich auf allen verteilen ist da die Rede. Und von einer neuen Sprache, die andere, die in einer ganz anderen Sprache redeten, spontan verstanden.

Drei Bilder werden uns vor Augen gestellt, die uns erleben lassen wollen, was die göttliche Geistkraft an Lebendigkeit bewirkt:

Ein Brausen geht über sie, die da versammelt waren hinweg. Ein neuer, frischer Wind also weht und fegt die dicke Luft aus Angst, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit weg.

Ein Licht wird ihnen aufgesteckt, ja mehr, Flammen der Begeisterung werden in ihnen entzündet.

Und eine Verbundenheit über alle Sprachgrenzen hinweg bewegt die Herzen.

Die göttliche Geistkraft bewirkt das, nicht aussen, nicht für alle sichtbar, sondern innen, in ihnen drin, die dafür wach, hellhörig sind

Die gleiche Wirkung wird im jüdischen Teil der Bibel der Weisheit, der «Sophia», zugeschrieben. Wer von ihr angesteckt wird oder etwas von ihr spürt, sich von ihr gepackt fühlt, der wird frohgemut, fängt an zu hüpfen und lacht vor Freude.

Solches Erleben und Verhalten löst Verwunderung aus, vielleicht ein Nachfragen, ja steckt vielleicht andere an. Oder führt zum Fragen, woher diese Lebendigkeit, diese Begeisterung kommt. Und zum Suchen nach ihr.  «Wie komme ich auch dahin?»

Ja, vielleicht.

Oder die Verunsicherung die diese Frohmut, diese Freude, diese Verbundenheit auslöst bei Umstehenden, bei solchen, die das auf irgendeine Art mitbekommen, ist so gross, dass man dieses Geschehen abwerten muss: «Die sind voll süssen Weins.» Berauscht. Betrunken. Besoffen. Trunken!?

Diese Geschichte dieses Umschwungs aus ängstlicher Verzweiflung, hoffnungsloser Zukunft in ein begeistertes, frohgemutes Leben voller Verbundenheit mit den Mitmenschen hat viel zu denken gegeben.

In der Philosophie gab es damals die Sprach- und Denkform «Oxymoron», übersetzt heisst das «scharfsinnig-dumm». Wir kennen alle solche Ausdrücke: z.B.:  Ein stummer Schrei. Ein beredtes Schweigen. Ein alter Knabe. Eine sachliche Romanze, wie ein Gedicht von Erich Kästner heisst.

Die Erfahrung von Pfingsten wurde mit dem Oxymoron «sobria ebrietas» gefasst, übersetzt heisst das «nüchterne Trunkenheit». Unser Walther Lechler hat diesen Ausdruck geliebt, um mit ihm zu zeigen, was der Inbegriff eines begeisterten Lebens ist, eines Lebens voll strotzender Fülle, die er gerne auch mit dem Ausdruck «Orgasmus» benannte.

Ich habe gedacht, zu «30 Jahre Förderkreis Bad Herrenalb» passt es, an etwas zu erinnern, worüber Walther Lechler gerne sprach.

Wir haben tiefe Wünsche in uns, wie wir unser Leben erleben möchten, Sehnsüchte eben nach orgastischem Leben, nach strotzender Fülle.

Und auf der andern Seite haben wir einen inneren Anordnung zu folgen, die sich manchmal wie ein innerer Zwang anfühlen kann, möglichst einen kühlen Kopf zu bewahren. Und nichts in uns zuzulassen oder an uns heranzulassen, was ausser Rand und Band zu geraten droht. Ein innerer Kritiker wacht darüber, dass ja nichts geschieht, damit es zu einer heilsamen Lösung kommt mit unseren Sehnsüchten und wir unsere wahren, wesentlichen Bedürfnisse befriedigen können.

Nüchternheit als Motto oder Inhalt unserer Lebensführung ist enorm wichtig, aber nur eine Seite. Alkoholiker wissen zudem um den Unterschied zwischen Trockenheit – ich verzichte auf das Suchtmittel – und Nüchternheit. «Wer nur trocken ist, vertrocknet». Nüchternheit ist demnach mehr als Suchtverzicht. Ich als Mensch mit depressivem Verhalten, also mit einem Hang zu einem Leben mit deprimierter Vitalität, musste lernen, statt mich zurückzuziehen in eine ganz eigene, abgeschottete Welt, in der mich niemand verletzen, ja sehen kann, mich zu öffnen, mich zu zeigen mit meiner Not, meiner Kraftlosigkeit, meinem Schwachsein, um nicht zu «vertrocknen.»

Nüchternheit ist eine spirituelle Haltung. Sie hat mit der Annahme der Realität zu tun. «Es ist, was es ist». Erich Fried hat ergänzt: «Sagt die Liebe». Oder anders: «Werde, der du schon immer bist. Lerne das zu finden in dir, was schon immer da ist.»

Trunkenheit, Ekstase, das was «über sich hinausgeht», was «über sich hinaussehen kann», ist ebenfalls enorm wichtig, wenn wir uns denn «mehr vom Leben nehmen wollen». Sie kann aber auch zu einer Übersteigerung führen. Oft anzutreffen bei dem, was man etwas vorschnell und manchmal oberflächlich als Esoterik bezeichnet. Die Bodenhaftung, die Erdung, das Bonding, die tiefe Verbundenheit mit dem Leben, wie es ist, ist das, was da vielfach fehlt oder zumindest mangelhaft ausgebildet ist.

«Nüchterne Trunkenheit» kann und will uns da zu einem Wegweiser werden. Sie weist daraufhin, dass dem Leben ein Entweder-Oder nicht angemessen ist und ihm nicht gut bekommt. Entweder in einem Rauschzustand, in Ekstase und ausser sich zu sein oder dann alles im Griff haben zu wollen und/oder zu müssen, führt dazu, dass uns unser Leben auseinander fällt.

Nüchterne Trunkenheit ist eine Haltung, eine Lebensführung, die nüchtern die Realität anerkennen will und kann, wie sie ist, aber nie den Blick dafür verliert, dass es immer auch etwas gibt, das ausser mir ist. Ja, ich darf ausser mich geraten, verzückt sein ins Leben, hüpfen vor Begeisterung und Danke und Halleluja rufen, lachen vor Freude, ausser Rand und Band sein und mich doch ganz verbunden fühlen mit dem Leben und den Menschen, die ich brauche und die mich brauchen. Ich darf geben und nehmen, was ich kann.

Ich möchte Euch heute neben der Pfingstgeschichte, die wir ja bereits gehört haben, zu diesem «sobria ebrietas – zu dieser nüchternen Trunkenheit als Grund und Ziel unserer Lebensführung noch zwei Texte mitgeben.

Der erste ist von Hildegunde Wöller, den sie für Konfirmanden schrieb, also Jugendlichen im Wandel vom Kind zum Erwachsenen:

«Ekstatisch leben heisst, der Spur der Freude folgen und sie verstärken» mithilfe «deiner Kraft, deiner Neugier, deinem Können, deiner Begeisterung. Ekstatisch leben ist mehr als blosses Geniessen und Konsumieren. Ekstatisch leben heisst: ganz bei dem sein, was ich tue und meinen Einsatz auch dann noch verstärken, wenn ich fast nicht mehr kann. … Und ich glaube, dazu hat der Schöpfer uns alle Begabungen und Kräfte gegeben, damit wir sie benutzen und sie durch Benutzung stärken.»

Den zweiten Text habe ich am letzten Pfingsttreffen das erste Mal gehört, als Annelie Keil am Pfingstsonntag in ihrer Einführung zum Pfingsttag sehr eindrücklich über ihre Erfahrung mit Spiritualität sprach und zum Pfingstereignis den folgenden Text zitierte - und mit ihm möchte ich schliessen und uns allen gute, erlebnis- und begegnungsreiche Pfingsttage 2019 wünschen, mit viel Bodenhaftung, sprich Nüchternheit und viel göttlicher Geistkraft, sprich Trunkenheit, Ekstase, über sich Hinaussehen und sich Verbunden wissen.

Der Text ist ein bekanntes Gebet aus dem 13. Jahrhundert (ev. 1160 / 1200 verfasst) und hat den lateinischen Titel «Veni Sancte Spiritus». Er stammt vermutlich von einem Unbekannten. Ev. wurde dieser später Bischof von Canterbury

 

Lass es in der Zeit bestehn,

deines Heils Vollendung sehn,

und der Freuden Ewigkeit.

Amen. Halleluja.