Über die Liebe

Überdie Liebe

Dieseelischen Erkrankungen sind Folgen der Störung der natürlichenLiebesfähigkeit.“(WilhelmReich)

DieLiebe ist manchmal das Tragischste und oft das Schönste, aber immerdas Wichtigste.“(Verfasser unbekannt)

DerArzneien höchste ist die Liebe.“ (Paracelsus)

 

Alssich der Vorstand vom FörderkreisfürGanzheitsmedizinzuFrühlingsanfang bei seinem Mitbegründer WaltherH. Lechlerim Allgäu zusammenfand, kamen wir unwillkürlich auf die Liebe zusprechen. Walther, der sich-geistigganz der Alte -mitseinen 88 Jahren bis auf sein verlorenes Augenlicht in einem guten,gesundheitlichen Zustand befindet, erzählte die Geschichte von einemseiner Söhne. Gerade zwei Jahre des Lesens mächtig hatte dieserineinem Brief, der Walther zugeschickt worden war, die lateinischenWorte „Amor vincit omnia“ („Die Liebe besiegt alles“)entdeckt, mühsam buchstabiert und sich die Bedeutung aufmerksam vonseinem Vater Wort für Wort erklären lassen. Wenige Tage späterhatten Walther und seine Frau einen ordentlichen Ehekrach. Siestanden sich im Treppenhaus gegenüber, warfen mit üblen Worten umsich und beschimpften sich gegenseitig. Da öffnete der Junge die Türzum Hausflur und rief den beiden Streithähnen zu: „Amorvincit omnia!“. Betroffen über ihre Dummheit und beglückt überdie wunderbare Reaktion ihres Sprösslings fand der Streit einrasches Ende.

Dasist eine schöne Geschichte. Sie stellt unter Beweis, was dieMenschheit in Jahrhunderten der geistigen Schau des göttlichenLichts als zentrales Prinzip erkannt hat. Auch manche„Seelenbetrachter“, also die Psychotherapeuten, deren„Wissenschaft“ noch nicht einmal 100 Jahre alt ist, haben dieBedeutung des Liebens für die seelische Gesundheit eines Menschenbegriffen. Schon ein Gründervater wie WilhelmReich, einZeitgenosse und Kollege SigmundFreuds,betontedie besondere Bedeutung der Liebesfähigkeit, aber verkürzte siegenauso wie Freudvor allemauf das Sexuelle.

DieLiebesfähigkeit des Menschen ist seine höchste Kraftquelle, die ihnimmer wieder neu mit allem Leben verbindet. „Man sieht nur mit demHerzen gut“, sagt der Fuchs zum KleinenPrinz(Antoine deSaintExupéry).Dieses Wort ist um die Welt gegangen. Hier werden wir ermutigt: Beialler Unterschiedlichkeit ist dem Verbindenden und nicht demTrennenden Raum zu geben. „Vergleich Dich nicht, identifizierDich“, ist eine entsprechende Weisheit aus den Selbsthilfegruppen,die dieses Verbindende aufgreift. Man sieht nur mit dem Herzen gut!So ist, ohne Resonanz einzufordern oder in Beziehung treten zumüssen, Liebe als Grundmelodie des Lebens möglich.

FürLiebe, die wir für einen anderen empfinden, wird uns Lebenskraftgeschenkt. In gleicher Weise erhalten wir Lebenskraft, wenn wir Liebeund Mitgefühl für uns selbst empfinden. Das ist, wie wir allewissen, nicht immer leicht. In ähnlicher Weise bemerken viele vonuns Hemmungen, Liebe die uns geschenkt wird, mit vollem Herzenanzunehmen. Manche von uns hatten nach den Schatten der Kindheit undanderer Verletzungen ihr Herz „sicherheitshalber“ verschlossengehalten. Andere von uns glaubten,einNichts zu sein und Liebe nicht verdient zu haben. Gerade deshalbneigten wir dazu, Verbindungen mit Menschen einzugehen, die kaumLiebe für uns übrig hatten. Der amerikanische Psychiater undGründer der Bondingpsychotherapie DanCasrielsagte dazu: „Liebe in reifer Weise anzunehmen ist vermutlich dasGefühl, das man in unserer Kultur am schwersten aufzubringen vermag.Überraschenderweise ist die Schwierigkeit nicht etwa die, Liebe zuschenken, sondern die, Liebe hereinzulassen. Es ist geradezu so, alsob wir uns gegen das, was wir am meisten brauchen – nämlichgeliebt zu werden - am meisten wehren.“ (Aus: Wiederentdeckungder Gefühle, S. 279, 12x12 Verlag).Hier bedeutet die Wiederöffnung des Herzens Heilung des Getrenntenund Gebrochenen in uns. Und wie wir aus eigener Erfahrung wissen,wenn unsere Liebe wieder fließt, ist es ein beglückendes Gefühlfür uns selbst und auch für diejenigen, die uns ihre Liebeschenken.

Liebenist einfach, wenn man sich versteht und das Leben gut zu uns ist.Aber besonders angewiesen auf unsere Fähigkeit zu lieben sind wir inunseren Krisen, also genau dann, wenn es etwa durch Krankheit,Verlust oder Gewalt zu bitteren Enttäuschungen gekommen ist. In derGesellschaft finden sich kaum Vorbilder, geschweige denn eine Kulturdazu, in der sich diese Fähigkeiten ausbilden können. Oder habt Ihrschon mal davon gehört, dass Menschen, die sich trennen, stattScheidungskriege zu führen sich gegenseitig großzügigeTrennungsgeschenke machen, etwa als Dank für die Zeit desMiteinanders und des gemeinsamen Lernens? Oder dass Menschen, denendas Sterben bevorsteht, gezielt die Nähe und die versöhnendeBegegnung mit den Weggefährten suchen, zu denen unverheilteVerletzungen bestehen?

Wiekann man lieben, wenn man gerade das Liebste verloren hat? DerFriedenspreisträgerIsmailKhatib hat es auf dem 40. Jubiläumspfingsttreffen in Bad Herrenalbpersönlich erzählt, wie er seinen 11jährigen Sohn Ahmed verlorenhatte und wie es zu dem „geschenkten Herz“ kam. Er hatteeingewilligt, dass drei israelischen Kindern das Herz und die Nieren seines Sohnes Ahmed transplantiert bekamen, der gerade von einemisraelischen Soldaten erschossen worden war. Liebe statt Gewalt zumZeitpunkt des größten Verlusts!

UnserMotto beim 40. Pfingstfest 2012 lautete: „Mitgefühl – auch mitmir.“ Pfingsten steht die Freude über das wiedergefundene Leben imMittelpunkt und die herzliche und offene Begegnung mit alten undneuen Freunden. Manche empfinden gar, ein neues Leben geschenktbekommen zu haben, ganz im Sinne von WilliamJames, demMitbegründer der Psychologie, der von einer „zweiten Geburt“sprach. Viele von uns haben die Erfahrung gemacht: hier wird dieLiebe in uns und im Gegenüber spürbar. Fremde sind Freunde, die wirnoch nicht kennengelernt haben!

WalthersSohn hatte mit „Amor omnia vincit“ übrigens den römischenDichter Vergil(70 – 19 v. Chr.) zitiert. Der Text stammt aus seinenHirtengedichten. Dort heißt es wörtlich: „Omnia vincit amor: etnos cedamus amori.“ Das bedeutet: „Allesbesiegt die Liebe; so wollen denn auch wir uns der Liebe fügen!“

Zum Abschluss einebedeutende Betrachtung zur Liebe von KhalilGibran(1883-1931). Er wurde in seinem Leben in mannigfacher Weise vomSchicksal in die Pflicht genommen. Unglücklich in seinem Verhältniszum Vater verlor der im Libanon geborene und mit der Mutter in dieUSA ausgewanderte Schriftsteller und Philosoph noch als Jugendlicherinnerhalb weniger Monate Mutter und Geschwister an Tuberkulose undKrebs. Unvergleichlich, poetisch und mit großer Tiefe werden dieinneren Dilemmata mit der Liebe von KhalilGibranbeschrieben.

Vonder Liebe

Wenndie Liebe dir winkt, dann folge ihr, sind ihre Wege auch schwer undsteil.

Undwenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn dasunterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.

Undwenn sie zu dir spricht, glaube an sie, auch wenn ihre Stimme deineTräume zerschmettern kann wie der Nordwind den Garten verwüstet.

Dennso, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich. So wie siedichwachsen lässt, beschneidet sie dich. So,wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und die zartesten Zweigeliebkost, die in der Sonne zittern, steigt sie hinab zu deinenWurzeln und erschüttert sie in ihrerErdgebundenheit.

WieKorngarben sammelt sie dich um sich. Sie drischt dich, um dich nacktzu machen. Sie siebt dich durch, um dich von deiner Spreu zubefreien. Sie mahlt dich, bis du geschmeidig bist; unddann weiht sie dich in ihr heiliges Feuer, damit du heiliges Brotwirst für Gottes heiliges Mahl.

Alldies wird die Liebe mit dir machen, damit du die Geheimnisse deinesHerzens kennen lernst und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen desLebenswirst.

Aberwenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst,dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken und vomDreschboden der Liebe zu gehenin dieWelt ohne Jahreszeiten; wo du lachen wirst, aber nicht dein ganzesLachen, und weinen, aber nicht all deine Tränen.

Liebegibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst. 

Liebebesitzt nicht, noch lässt sie sich besitzen; denn Liebe genügt derLiebe.

Undglaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken, denn die Liebe,wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf. 

Liebehat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.

Aberwenn du liebst und Wünsche haben musst, sollst du dir dies wünschen:zuzerschmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein, der seineMelodie in die Nacht singt; 

DenSchmerz allzu vieler Zärtlichkeit zu kennen; vom eigenen Verstehender Liebe verwundet zu sein undwillig und freudig zu bluten;

Beider Morgenröte mit beflügeltem Herzen zu erwachen und für einenweiteren Tag des Liebens dankzusagen;

ZurMittagszeit zu ruhen und über die Verzückung der Liebenachzusinnen;

AmAbend mit Dankbarkeit heimzukehren und dann einzuschlafen mit einemGebet für den Geliebten im Herzen und einem Lobgesang auf denLippen.

 

Herzlichst

KorneliusRoth (für den Vorstand)

1.VorsitzenderFörderkreis für Ganzheitsmedizin, Bad Herrenalb

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