Ältere Artikel

Pfingsten 2013

Zwei Einstimmungen zum Mott0 des Pfingsttreffens 2013

Traumakongress 2012: "Über-Wunden": Trauma, Genesung und Spiritualität

Nicht sichtbar genug

Mehr als 600 CDs und Bücher wurden beim Traumakongress angeboten. Fotos: BeckerFoto: Schwarzwälder-Bote

 

Von Horst F. Becker Bad Herrenalb. "Über-Wunden: Trauma, Genesung und Spiritualität": Der Förderkreis für Ganzheitsmedizin veranstaltete im Bad Herrenalber Kurhaus den zweiten deutschsprachigen Kongress (wir berichteten). Es sei bereits die dritte Großveranstaltung zu diesem komplexen Bereich gewesen, erläuterte Kornelius Roth, Facharzt für Psychosomatik, Psychiatrie und Psychotherapie, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Der Vorsitzende des Förderkreises für Ganzheitsmedizin Bad Herrenalb meinte auf die Frage nach seiner abschließenden Bewertung: "Ich halte dieses Trauma-Thema in unserer Gesellschaft nicht für sichtbar genug!" Er erklärte: "Ich meine nicht eine eher oberflächlich und spontane Anteilnahme wie sie täglich bei Hiobsbotschaften zu beobachten ist mit den Worten ›Ach du Schreck‹ oder ›Oh, jetzt ist der sicher querschnittsgelähmt‹". Roth wirkte ernst und formulierte bedacht: "Sondern..., mir fehlt die innere Auseinandersetzung mit den Folgen, die die Betroffenen meist zu erleiden haben."

Der Facharzt beklagt die Oberflächlichkeit und fehlende tiefe Teilnahme am Schicksal des anderen und sieht in dieser Haltung ein Grundproblem der Gesellschaft. "Es gelingt uns viel zu wenig mit dem Herzen zu fühlen und darüber nachzudenken, was passiert mit dem, der vergewaltigt wurde, der unschuldig in eine Schlägerei verwickelt wurde oder – ohne eigenes Dazutun – anderswie Traumatisierendes erleben musste." Auf die Frage, ob er zum Beispiel auch bei Rufmord oder sozialem Tod einen vergleichbaren Leidensdruck sieht, sagte Roth: "Aber ja, das ist zwar im medizinisch engeren Sinne kein Trauma, aber im umgangssprachlichen Sinne kann man durchaus sagen, dass dies eine traumatisierende Qualität für den hat, den es betrifft." Die Menschen, die derartiges erlebten, kämen vielfach nicht ohne Hilfe aus den sich ergebenden inneren Konflikten, stellte Roth fest. "Unsere Gesellschaft betreibt schnell die Beschämung des Individuums und verfolgt neben der unstrittig zu ahndenden Handlung eines Gewalttäters viel zu wenig die Auswirkungen bei den Opfern."

Der Vorsitzende des Förderkreises meint des Weiteren: "Opfer brauchen Hilfe und Täter brauchen Strafe – und dann Hilfe!" Man habe im Rahmen des Kongresses versucht herauszuarbeiten, was neben der Psychotherapie Menschen helfen könne, aus ihren traumatischen Erfahrungen herauszuwachsen und sei zu weitreichenden Ergebnissen gekommen. Er nennt als Schwerpunkt der Anregungen vieler Fachleute die Spiritualität auch in Form von Meditation, von angewandter Mystik oder auch Sing- und Tanztherapie, die einen besonders heilenden Raum darstellen könne.

„ÜBER-WUNDEN - Trauma, Genesung und Spiritualität“ 2. Deutschsprachiger Kongress zu Trauma und Spiritualität 12. bis 14. Oktober 2012, Kurhaus Bad Herrenalb. Zusammenfassung durch Tamara Enhuber

Um Traumata besserverstehen und uns auf den Weg machen zu können, sie zu heilen,müssen wir uns – so haben die Vorträge, Seminare, Lesungen,Diskussionsbeiträge von ExpertInnen (PraktikerInnen und Betroffenen)und Musik- und Tanzveranstaltungen des vom Förderkreis fürGanzheitsmedizin organisierten Kongresses vom 12. bis 14. Oktober2012 im Bad Herrenalber Kurhaus deutlich gemacht – auchauseinandersetzen mit den Themen Gewalt, Scham und Trauer, mit denFragen von Anerkennung und Würde, mit der Notwendigkeit derAussöhnung mit den eigenen Schattenseiten wie auch mit der Frage derVergebung, mit dem Wirken der Seele und der Heilkraft vonSpiritualität, mit der Bedeutung von Ritualen, Gemeinschaft undanderen Orten der Heilung, und mit der Rolle der traumatisiertenMenschen und der TherapeutInnen in der Traumaarbeit.  

Weiterlesen

Kongress 2011: Deutschland und seine Weltkriege

.

Die Wunden der Seele heilen

72 Jahre nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges toben dieSchrecken oft lautlos in den Seelen der damaligen Kriegskinder weiter undbelasten auch die Enkel. Der Psychiater Kornelius Roth ermuntert im Gesprächmit Daniel Knep dazu, darüber zu reden.

Herr Roth, wie haben sich die Weltkriege psychisch auf die Väterund die Kinder-Generation ausgewirkt?

Kornelius Roth: Erst langsam werden die Auswirkungen bewusst undspürbar. Sie unterscheiden sich je nachdem, was in der Kriegszeit erlebt wurde.Nachkommen von Kriegsteilnehmern und deren Familien haben andere Folgen zutragen wie Familien mit einem Flüchtlingsschicksal. Krieg bedeutet immer auchTraumatisierung – nicht nur für kämpfende Soldaten. Die Traumata beeinflussenbis heute das Leben der Nachfahren, also alle. Die Toten werden immer nochvermisst. Viele der Kriegskinder haben beispielsweise ihren Vater im Kriegverloren oder er kam verwundet oder traumatisiert zurück und fand seinen Platzin der Familie nicht mehr. Manche Väter verloren sich im Alkohol, Müttermussten stark und dominant sein. Der folgenden Generation fehlt das guteVorbild.

Was bedeutet das für die Kinder der dritten Generation?

Kornelius Roth: In verschiedener Weise hat es Einfluss auf dieFamilien gehabt. Die Betroffenen müssen sich beispielsweise die tragendeIdentität als Vater oder Mutter mehr erarbeiten als jemand, dem das durch eingutes Rollenvorbild geschenkt wurde.

Wie kann aus diesem Teufelskreislauf ausgebrochen werden?

 Kornelius Roth: Das Wesentliche ist der Dialog, auch zwischenden Generationen. Wahrheit und Trauer trägt und verbindet. Schwierig wird es,wenn in den Familien problematische Themen ausgespart und im Verborgenenbleiben. Wir wissen heute, dass die Folgen unverarbeiteter Traumata auch aufdie nächste Generation weitergegeben werden können.

Der Krieg schreibt sich tief in den Körper ein: Depressionen,Panikstörungen, Misstrauen, Schlafprobleme sind oft Folgen. Wie können dieBetroffenen damit fertig werden?

Kornelius Roth: Oft können die Menschen ihre Symptome nichtverstehen und zuordnen. Das verunsichert zusätzlich. Manchmal übernehmen Kinderauch die Probleme und Ängste von den Eltern. Dann wird es noch schwieriger. Dasoffene und authentische Gespräch nimmt viel Druck von den Betroffenen und istein erster wichtiger Schritt. Tiefergehende Probleme können heute mitentsprechender Psychotherapie gut behandelt werden. Viele Seelsorger weiseninzwischen eine gute psychotherapeutische Kompetenz auf, manche verfügen auchüber eine zusätzliche traumapsychotherapeutische Ausbildung. Wichtig ist es für Betroffenezunächst, die Dinge anzusprechen, auch die unbequemen. Psychische Gesundheitist nur möglich durch Wahrheit um jeden Preis.

Was kann die Kirche tun?

Kornelius Roth: Was für die Familie gilt, gilt auch für dieKirche. Wenn nicht mehr verdrängt wird und die Kirche beispielsweiserückhaltlos und ehrlich über die eigene, schwierige Rolle in dieser Zeit redenkann, wird sie zum Vorbild. Viele der Betroffenen und ihre Nachfahrenverknüpfen ja auch Glaubensfragen mit dem Thema. Manche haben ihren Gottverloren im Krieg. Dann wird Seelsorge glaubwürdig.

Viele der damaligen Kriegskinder haben am Ende ihres Lebens dasgroße Bedürfnis zu reden. Warum so spät?

Kornelius Roth: Auf der materiellen und politischen Ebene sinddie Kriegsfolgen in den Hintergrund getreten. Die Öffnung in der Gesellschafthat angefangen mit dem Kniefall von Willy Brandt im Warschauer Ghetto am 7.Dezember 1970. Das hat das Eis gebrochen. Aber es dauerte noch eine Weile, bisder innere Zugang zu den seelischen Verwundungen gefunden werden konnte. Derist heute da, auch weil viele Menschen ein Alter erreicht haben, in denenKindheitserinnerungen stärker lebendig werden.

Was bringen die neuen Soldaten-Schicksale aus Afghanistan undanderen Kriegsgebieten mit sich?

Kornelius Roth: Im Gegensatz zu früher wissen wir heute vielmehr über posttraumatische Belastungsreaktionen. Es gibt heutzutage gute,angemessene Behandlungsmöglichkeiten für Kriegstraumata. Nach dem Ende desZweiten Weltkriegs gab es keinerlei Angebote in dieser Art – es wurdegeschwiegen.

Information

Vom 7. - 9. Oktober befasst sich in Bad Herrenalb eine Tagung mit dem Thema "Deutschland und seine Weltkriege: Schicksale in drei Generationen und ihre Bewältigung." Der Vorsitzende des veranstaltenden Förderkreises für Ganzheitsmedizin, ist der Psychiater und Psychotherapeut Kornlius Roth. Als Referenten sprechen unter anderem Eugen Drewermann und Hartmut Radebold, der als Pionier der Aufarbeitung von Kriegsfolgen für die erste Kriegskindergeneration gilt. Auch Betroffene kommen zu Wort, so etwa die Traumaforscherin Ortrud Grün, deren Vater Stellvertreter von Josef Goebbels als Gauleiter von Berlin war. (...) Allgemeine Informationen finden sich im Internet: www.kriegskind.dewww.kriegs-kinder-fuer-den-frieden.de.

Erschienen im Evangelischen Gemeindeblatt für Württemberg 41/2011, Ausgabe: Mittlerer Neckar und Stauferland


Pfingsten 2011 ...

Besondere Bedeutung der Spiritualität

Bad Herrenalb. Rund 1000 Besucher sind zum Pfingsttreffen gekommen, das der Förderkreis für Ganzheitsmedizin in Bad Herrenalb veranstaltet hat.

Förderkreis für Ganzheitsmedizin veranstaltet in Bad Herrenalb sein Pfingsttreffen / Viele Vorträge und Seminare

Von Bernd Helbig
Es gab eine Fülle von Vorträgen und Seminaren mit namhaften Referenten aus dem In- und Ausland, dazu Tanz und Musik sowie ein Theaterstück zum Thema Sucht. Die Tage waren mit inspirierenden Themen ausgefüllt. Der Schwerpunkt lag in diesem Jahr auf der Spiritualität und ihrer Bedeutung bei seelischen Leiden. Der Vorsitzende des Förderkreises, Kornelius Roth, freute sich über die rege Beteiligung: "Angeregt durch die Vorträge, getrauen sich die Menschen von ihren Erfahrungen zu berichten." Das sei sehr positiv. Dies sei der Sinn der Vorträge, unterstrich auch Vorstandsmitglied Alfred Meier. Der ehemalige Pfarrer aus der Schweiz gehörte ebenfalls zu den Referenten des Pfingsttreffens und verfasste mit Walther Lechler ein Buch über die therapeutische Kraft biblischer Geschichten. Viel Beachtung fand auch der Vortrag von Rocco Errico. Der Fachmann für hebräische und aramäische Biebelauslegung versucht, die rätselhaften Botschaften der Bibel durch präzise Übersetzungen aus dem Altaramäischen zu entschlüsseln. Seine Übersetzungen eröffnen eine andere Sichtweise auf die Botschaft des Menschen Jesus von Nazareth, der erst 200 Jahre nach seinem Tod von den Kirchen zum Gott gemacht worden sei. Das "Himmlische" solle nicht erst im Jenseits stattfinden, sondern heute. Das sei seine Botschaft und das sei zutiefst christlich. Seine Worte seien die Anleitung für eine Welt des Friedens. Erricos Verleger, Hans-Jürgen Maurer, übersetzte den Vortrag simultan ins Deutsche. Der Vortrag löste eine rege Fragerunde aus. Anschließend signierte der Gelehrte seine Bücher im Foyer des Kurhauses.

 

erschienen in Schwarzwald Bote, Nr. 136, 15. Juni 2011

 


Neue Kraft geschöpft

Gut besuchtes 22. Pfingsttreffen in Bad Herrenalb

Bad Herrenalb. Es gab eine Zeit, da war Ulrike menschenscheu, konnnte kaum auf andere zugehen. Depressionen raubten ihr nachts den Schlaf. Sie nahm Medikamente. Erst wenige, dann immer mehr, bis sie davon abhängig wurde. Die 68-jährige Rentnerin spricht erstaunlich offen über ihre schwierige Lebensphase. "Mittlerweile finde ich, es gibt nichts Interessanteres als Menschen", sagt Ulrike. Sie hat sich daher sehr auf das Pfingsttreffen des Förderkreises für Ganzheitsmedizin gefreut. 

Auf die vielen Vorträge, Konzerte und die Treffen der Selbsthilfegruppen. In der Hand hält sie eine CD der Liedermacherin Iria Schärer, deren Auftritt im Kurhaus sie begeistert hat. Jeder durfte mitsingen. "Die strahlt so eine Kraft aus", schwärmt Ulrike. Und nach Kraft zum Leben hat sie lange Zeit gehungert. 

Viele der Besucher des Pfingsttreffens fühlten sich seelisch schon einmal in die Enge getrieben.  Einige fanden Zuflucht in der Psychosomatischen Klinik, die von 1971 bis 1988 von Walther Lechler in Bad Herrenalb geleitet wurde. Sein Ziel war es, Klinik, therapeutische Gemeinschaft und Selbsthilfegruppen zu einem Ganzen zu verbinden. Lechler war es auch, der den Förderkreis für Ganzheitsmedizin und die jährlichen Pfingsttreffen ins Leben rief.

"Manche kommen heute noch aus Dankbarkeit. Sie sagen: Die Erfahrung damals hat mir das Leben gerettet", erzählt Kornelius Roth, Vorsitzender des Förderkreises. "Andere wollen auffrischen, was sie in den Selbsthilfegruppen gelernt haben." Von den 1000 Besuchern kennen sich viele schon. Schließlich fand das Pfingsttreffen bereits zum 22. Mal statt.

Aus dem Kursaal dringen seltsamte Laute. Der amerikanische Bibelexeget Rocco A. Errico hat soeben das Vater-Unser angestimmt - auf aramäisch. Roccos Vortrag handelt dann von "Transzendenz". Mit weit ausholenden Gesten und einem gewinnenden Lächeln erzählt der Prediger seine Interpretation des Gleichnisses vom Verlorenen Sohn. Seine Botschaft ist am Ende einfach: Frieden, Liebe und Harmonie stehen über kulturellen Konventionen und Schranken.

Auch Ulrike sitzt im Publikum. Sie hat sich vorgenommen, so viel wie möglich vom Wochenende mitzunehmen. Am Abend will sie unbedingt noch die 18-jährige Deutsch-Türkin Melda Akbas hören, die aus ihrem Buch "So wie ich will. Ein Leben zwischen Moschee und Minirock" liest. 

Es geht um die Erfahrungen der jungen Autorin im Konflikt der Religionen und Kurturen in Berlin. Überhaupt ist das Programm sehr weit gefächert: Es reicht von Qi Gong, einer chinesischen Bewegungsmeditation in der Frühe, über einen Vortrag des umstrittenen Theologen und Psychoanalytikers Eugen Drewermann und einem Theaterstück über "Sucht" bis zu Mitmach-Tänzen am Abend. 

Ulrike hat beim Pfingsttreffen neue Kraft geschöpft. Als sie sich zum nächsten Vortrag verabschiedet, sagt sie noch: "Man wird durch solche Treffen nicht geheilt. Aber man ist auf dem Weg."

Andreas Fauth

erschienen in: Badische Neueste Nachrichten, Nr. 135, 14. Juni 2011