... als Teufelskreis

„Störungen, die scheinbar so verschieden sind wie Alkoholismus, Depression oder Körpersymptome können wir alle als Ausdruck von Mangel und als Ergebnis eines Lerndefizits betrachten."

(Hambrecht 1983, S.53)

Diese sozio-psycho-somatischen Störungen signalisieren auf verschiedene Weise dasselbe: Ein Mensch ist in seiner Ganzheit beeinträchtigt. Es mangelt in seinem Leben an Erfüllung. Er hat nicht genug gelernt, der Welt zu begegnen und seine Bedürfnisse zu befriedigen.

„Differentielle Diagnosen, also das Herausfiltern von Unterschieden zwischen Störungen, werden dadurch relativ bedeutungslos. Wir können auf sie verzichten und uns auf die Behebung von Mangel an Erfüllung und an Erfahrung konzentrieren. 
Zwei andere Therapieansätze, die Diagnosen ebenfalls für überflüssig, ja sogar für schädlich halten, sind die Realitätstherapie nach William Glasser (1972) und der Personenzentrierte Ansatz von Carl Rogers (z. B. 1976, 1977).

William Glasser, ein Psychiater aus Los Angeles, lehnt diagnostische Etiketten ab, weil sie oft als Entschuldigungen benutzt werden und dazu dienen, Verantwortung auf andere abzuschieben. Der Hinweis auf eine "frühe narzisstische Störung mit oraler Fixierung" könne z. B. dazu herhalten, sich den konkreten Lebensproblemen nicht zu stellen.

Carl Rogers möchte aus anderen Gründen auf Diagnosen verzichten: Sie würden der therapeutischen Beziehung schaden, indem sie den Therapeuten in einer Expertenrolle brächten und Distanz und Abhängigkeit schafften. Viele Diagnosen bedeuteten außerdem ein Werturteil über den Betroffenen und stempelten ihn auf Dauer ab, was dem therapeutischen Prozess wenig Offenheit lasse.

Auch nach unseren Überlegungen zum Mangelsyndrom kann ein Therapeut zunächst auf eine individuelle Diagnose verzichten und alle seelischen Schwierigkeiten in gleicher Weise angehen. "Mangelsyndrom" und "Lerndefizit" reichen als Leitideen für ein hilfreiches Umgehen mit der Störung aus. Die Veränderung des Teufelskreises aus Mangel und Erfahrungsdefizit ist keine Behandlung einer Krankheit, sondern ein Lehr- und Lernprozess.

„Therapie" braucht also keine trickreichen Techniken anzuwenden, sondern muss einfach Lernen ermöglichen und zu Reifung und Erweiterung des Lebensraums ermutigen. Therapeutische Hilfe muss die Bedürfnisse eines Menschen umfassend berücksichtigen und ihn gleichzeitig lehren, diese Bedürfnisse zu erkennen und zu befriedigen. In allen Lebensbereichen soll die Möglichkeit gegeben werden, Neues zu erfahren und zu lernen: im Umgang mit sich selbst und den eigenen Gefühlen, im Zusammensein mit anderen, in der Beziehung zum eigenen Körper und in der Frage nach Lebenssinn und spiritueller Orientierung.

Weil Mangel und Lerndefizit sich gegenseitig verstärkt haben, muss heilsames, menschliches Miteinander auf das Durchbrechen des Teufelskreises abzielen und das Herausspringen aus dem selbstzerstörerischen Lebensprogramm unterstützen. Dies kann mitunter eine gewisse Härte verlangen. Symptome sind ja aus der Not von Schmerz, Angst und Wut geboren. Symptome sind Mittel und Wege, um vor den Lebensproblemen davonzulaufen. So lange wie irgend möglich wird ein Mensch dieses Mittel anwenden und sich so der Auseinandersetzung mit seinen Grundkonflikten zu entziehen zu suchen. Für eine Veränderung wird er erst dann bereit, wenn er all seine kompromisshaften Bewältigungsversuche, alle Selbsttäuschungen und stabilisierenden Tricks aufgibt."

Beeinträchtigende Lernerfahrungen führen zu einem doppelten Defizit:

  • Indem wichtigste Bedürfnisse nicht erfüllt werden, entstehen akut und langfristig Mangelzustände im Sinne von Hunger und Durst. 
  • Verhaltens- und Denkweisen werden hervorgerufen, die notwendige neue Lebenserfahrungen im Umgang mit der Welt verhindern und damit zu einem Lerndefizit führen. 
  • Diese beiden Defizite (an Befriedigung und an Erfahrung) verstärken sich gegenseitig. Sie bilden einen Teufelskreis, den ich als "Mangelsyndrom" bezeichnen möchte. Abbildung 1 veranschaulicht diese Modellvorstellung, die uns helfen kann, seelische, psychosomatische und zwischenmenschliche Schwierigkeiten zu verstehen.

Auf den Mangel folgen gedankliche, gefühls- und verhaltensmäßige Reaktionen, aus denen ein Defizit an Erfahrungen resultiert, welches wiederum den Mangel verstärkt. Es entwickelt sich eine Spirale, in die alle Bereiche der Person einbezogen sind". 
(Hambrecht 1983, S.24)
* Lorenz, Elmar 1997: Zur Wirklichkeit und Wirksamkeit des Genesungssystems der Selbsthilfegemeinschaft der Anonymen Alkoholiker (AA), Diplomarbeit